Z Sex Forsch 2025; 38(04): 185-197
DOI: 10.1055/a-2727-9559
Originalarbeit

„Ich bin ja der Mann und nicht mein Genital.“ Interpretationen vergeschlechtlichter Körpermerkmale und ihre Auswirkungen auf die sexuelle Praxis trans*-männlicher und nicht-binärer Personen

“I Am the Man and Not My Genitalia.” Interpretations of Gendered Body Characteristics and Their Impact on the Sexual Practice of Trans*-Masculine and Non-Binary Individuals

Authors

  • Lea Pregartbauer

    1   Institut für Sexualforschung, Sexualmedizin und Forensische Psychiatrie, Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf
  • Meral S. Fischer-Wasels

    1   Institut für Sexualforschung, Sexualmedizin und Forensische Psychiatrie, Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf
  • Anika J. Engelmann

    2   Institut für Geschichte der Medizin und Ethik in der Medizin, Charité Universitätsmedizin Berlin
  • Timo O. Nieder

    1   Institut für Sexualforschung, Sexualmedizin und Forensische Psychiatrie, Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf

Zusammenfassung

Einleitung Forschung zur Sexualität von trans* Personen weist darauf hin, dass einige trans* Personen aufgrund von Geschlechtsdysphorie ihre sexuelle Praxis einschränken, während andere dies nicht tun. Die vorliegende Studie untersucht

mögliche Ursachen dieser Unterschiede bei trans*-männlichen und nicht-binären Personen mit weiblichem Zuweisungsgeschlecht (engl. assigned female at birth: AFAB). Der Fokus liegt dabei auf der Ebene der vergeschlechtlichten sozialen Bedeutung von Körpern und ihrem Einfluss auf das sexuelle Erleben und Verhalten.

Forschungsziele Ziel der Studie ist es, die Veränderungen der sexuellen Praxis im Transitionsprozess trans*-männlicher und nicht-binärer Personen (AFAB) nachzuvollziehen und den Einfluss zu analysieren, den die (eigene wie fremde) Interpretation vergeschlechtlichter Körpermerkmale auf diese Veränderungen hat.

Methoden Es wurde eine qualitative Inhaltsanalyse halb-strukturierter Interviews mit N = 16 trans*-männlichen und nicht-binären Personen (AFAB) sowie ein qualitativer Gruppenvergleich durchgeführt, beides den Empfehlungen von [Kuckartz und Rädiker (2022)] folgend. Die vorliegende Auswertung stellt eine Sekundäranalyse der im Rahmen einer Studie von [Engelmann et. al. (2022)] durchgeführten Interviews dar.

Ergebnisse Die Teilnehmenden beschreiben komplexe Dynamiken von medizinisch herbeigeführten körperlichen Veränderungen, Selbst- und Körperbildern sowie sozialen Erfahrungen, die im Verlauf ihrer Transition entweder zu Einschränkungen oder Erweiterungen ihrer sexuellen Praxis beitrugen. Die Richtung dieser Entwicklung wurde dadurch beeinflusst, ob sich die Teilnehmenden von Partner*innen ihrem geschlechtlichen Selbstverständnis entsprechend wahrgenommen und begehrt fühlten und ob sie selbst ein Geschlechterkonzept hatten, dass es ihnen ermöglichte, die soziale Bedeutung ihres Genitals als weiblich zu verschieben.

Schlussfolgerung Die Studienergebnisse verdeutlichen, dass bei der Interpretation vergeschlechtlichter Körpermerkmale Spielräume bestehen, die von trans*-männlichen und nicht-binären Personen sowie ihren Partner*innen genutzt werden und zu einer Erweiterung des sexuellen Handlungsspielraumes im Verlauf von Transitionsprozessen beitragen können.

Abstract

Introduction Research on the sexuality of trans* individuals indicates that some restrict their sexual practice due to gender dysphoria, while others do not. The present study examines possible causes of these differences in trans*-masculine and non-binary individuals assigned female at birth (AFAB). The focus is on the gendered social significance of bodies and its impact on sexual experiences and behaviors.

Objectives The aim of the study is to understand the changes in sexual practice during the transition process of trans*-masculine and non-binary individuals (AFAB) and to analyze the influence that the interpretation (both personal and external) of gendered body characteristics has on these changes.

Methods A qualitative content analysis of semi-structured interviews with N = 16 trans* male and non-binary persons (AFAB) was conducted, as well as a qualitative group comparison, both following the recommendations of Kuckartz and Rädiker (2022). The present evaluation is a secondary analysis of interviews conducted as part a study by [Engelmann et al. (2022)].

Results The participants describe complex dynamics of medically induced physical changes, self- and body images and social experiences that contributed to either restrictions or expansions of their sexual practice during the course of their transition. The direction of this development was influenced by whether the participants felt perceived and desired by their partners in accordance with their gender self-image and whether they themselves had a concept of gender that enabled them to shift the social meaning of their genitals as female.

Conclusion The results show that there is leeway in the interpretation of gendered body characteristics that is used by trans*-masculine and non-binary individuals and their partners and can contribute to an expansion of sexual scope of action in the course of transition processes.



Publication History

Article published online:
10 December 2025

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